Sebastian Bohne, Försterei Tangstedt
Schleswig-Holstein ist mit ca. 10% Waldfläche das waldärmste Bundesland.
Im Bundesdurchschnitt beträgt die Fläche des Waldes 30%.

Somit gibt es wenig Rückzugs- und Aufzuchtmöglichkeiten für Wildtiere. Um diese zu schützen, gilt in allen Wäldern Schleswig-Holsteins eine ganzjährige Anleinpflicht für Hunde.
Um eine artgerechte Haltung zu gewährleisten und den Freilauf zu ermöglichen, wurden verschiedene Hundefreiläufe bzw. Hundewälder eingerichtet.
Einige davon haben wir bereits getestet.
Im Hinblick auf die kommende Brut- und Setzzeit haben wir uns mit Sebastian Bohne von der Försterei Tangstedt zu einem kurzen Spaziergang getroffen, um zu erfahren, warum das so ist und wie wichtig das Anleinen der Hunde für die Wildtiere ist.
Alle Informationen zu den Revieren und Förstereien findet man unter www.forst-sh.de.

Warum gibt es überhaupt eine Leinenpflicht?
Normalerweise hat ein Hund eben noch den Jagd- oder zumindest einen Spieltrieb. Das kann das Wild nicht unterscheiden und das wird eben dann zum Problem.
Wir haben hier auch Uhus, einen brütenden Eisvogel und sind ein EU-Vogelschutzgebiet und Fauna-Flora-Habitat (FFH-Gebiete sind Schutzgebiete, die dem Erhalt wildlebender Pflanzen- und Tierarten und ihrer natürlichen Lebensräume dienen. Anm.d.Red.).
Im Wald, dem letzten Naturrefugium, das wir haben, sollten die wildlebenden Tiere ihren Lebensraum haben und auf diese sollte man dann auch Rücksicht nehmen.
Mein Hund jagt nicht. Wird denn das Rehkitz oder der Junghase nach jeder Begegnung mit einem Hund von der Mutter verstoßen?
In der Regel ja. Die Kitze haben in den ersten Wochen keinen Eigengeruch, damit Raubtiere wie Füchse und Marder es gar nicht wahrnehmen. Die Ricken setzen die Kitze auf einer Wiese oder z. B. zwischen Adlerfarn ab und lassen es dort mit der Hoffnung liegen, dass kein Raubtier die Witterung aufnimmt.
Und wenn jetzt ein Hund ran geht und Duftmarken in irgendeiner Form hinterlässt, setzt die Ricke dies mit einem Wolf oder einem Fuchs gleich und verlässt das Kitz.
 
Wo besteht der Unterschied zwischen einem freilaufenden Hund und Pilzsammlern oder Spaziergängern, die die Wege verlassen?
Wenn man durch den Wald geht, sieht man oft Rehe, die ganz dicht am Weg stehen. Die merken einfach, dass von Spaziergängern, die sich vielleicht auch noch unterhalten, keine Gefahr ausgeht. Das ist kein typisches Raubtierverhalten. Hunde, die neugierig und schnuppernd näher kommen, bedeuten jedoch Gefahr und sind für Wildtiere daher eine viel größere Belastung als ein Mensch.
Ist eine Schleppleine denn eine zulässige Sicherung?
Das finde ich super. Wenn ein Reh den Weg kreuzt und der Hund los läuft, kann man noch auf die Leine treten oder hält diese bereits in der Hand, um die Kontrolle zu behalten.
Man muss natürlich auch fragen, wo die Hunde sonst laufen sollen. Wir haben dafür in unserer Försterei drei Hundeauslaufgebiete.
Das Verhältnis Hundehalter – Jäger ist nicht immer das Beste. Wie sieht es hier damit aus?
Ich bin der Jagdausübungsberechtigte im Revier. Die Jäger lösen bei mir ihre Jagdberechtigung und sind dazu angehalten, freundlich und höflich mit den Hundehaltern umzugehen. Frei laufende Hunde werden hier nicht geschossen. Ich habe es bisher aber auch noch nicht erlebt, dass ein Hund so gewildert hat, dass das nötig wäre.
Warum gibt es nicht mehr Infotafeln und Hinweise zur Leinenpflicht oder den möglichen Gefahren durch Hunde?
Es gab früher recht reißerische Tafeln. Darauf war eine Ricke, die vom Hund gerissen worden ist und aus dem Bauch kam dann das Kitz bzw. der Embryo raus. Die standen am Waldeingang und haben wohl großen Unmut ausgelöst, so dass sie schnell wieder verschwunden sind.
Wir wollen aber hundefreundlich sein und machen das ja nicht, um die Hundebesitzer zu ärgern.
Deswegen haben wir heute diese kleinen grünen Piktogramme. Auf denen ist ein Mensch zu sehen, der mit seinem angeleinten Hund spazieren geht.
Das reicht aber meist nicht. Wenn ich hier durch den Wald gehe und die Leute darauf anspreche, wissen die meisten über die Anleinpflicht Bescheid.
Es ist eine Ordnungswidrigkeit, die von der Polizei oder dem Ordnungsamt mit einem Bußgeld belegt werden kann.
Was würden Sie sich von den Hundehaltern wünschen?
Die meisten Hundehalter, die ich hier treffe sind schon sehr verständnisvoll. Aber es wäre schön, wenn die Hunde durch z. B. eine Schleppleine gesichert wären. Freilaufende Hunde können auch zu einem Problem für Menschen werden, die hier im Friedwald ihre verstorbenen Angehörigen besuchen und vielleicht Angst vor Hunden haben. Dann kommt es zu Konfrontationen und das ließe sich vermeiden.

Vielen Dank an Herrn Bohne für die Zeit und (im Namen von Hündin Emily) für die Streicheleinheiten!